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Wie das organische Material Ton das Gehirn berührt

Auf den Spuren wissenschaftlicher Erkenntnisse zu heilenden Qualitäten von Boden, Erde und Ton


24.03.2026


Auf der Suche nach einem wissenschaftliche Fundament meiner 2019 entwickelten ‚Clay Meditation‘, stieß ich 2022 auf die Arbeit von Prof. Christopher Lowry von der University of Colorado und suchte den Dialog. Seine Forschung liefert die biologische Erklärung für das, was ich in der Meditation instinktiv nutze.


Photo: Werner Amann, 2023



Seit meinem sechsten Lebensjahr begleitet mich Ton. Was als kindliches Spiel begann, hat sich über Jahrzehnte zu einer existenziellen Gewissheit geformt: Die Arbeit mit diesem natürlichen Material verändert nicht nur die Form des Objekts, sondern auch den Zustand meines Seins. Während meines Keramikstudiums an der Central Saint Martins in London vertiefte ich mein Interesse an dem kreativen Prozess mit Ton. Aus meiner lebenslangen Praxis und meiner persönlichen Meditationserfahrung heraus habe ich eine Methode entwickelt, die ich Clay Meditation“ nenne.


Hierbei nutzen wir das organische Material gezielt als Anker, um das Nervensystem zu beruhigen und das Gehirn zu stimulieren. Der Fokus liegt dabei nacheinander auf den verschiedenen physikalischen Eigenschaften des Tons. Ein zentrales Element dieser Praxis ist die bewusste Zerstörung des Kreierten am Ende der Sitzung. Es geht nicht um das fertige Werkstück, sondern einzig um das freigesetzte Potential des Prozesses.


Die biologische Spur: Warum Ton beruhigt

Die Forschung von Prof. Christopher Lowry (University of Colorado) untersucht den Zusammenhang von Bodenbakterien und ihre Auswirkung auf unser Nerven- und Immunsystem.

Im Zentrum steht das Bodenbakterium Mycobacterium vaccae (NCTC 11659). Lowry wies 2007 nach, dass der Kontakt mit diesem Bakterium das Immunsystem stimuliert und im Gehirn Neuronen aktiviert, die Serotonin produzieren [Lowry et al., 2007]. Serotonin ist ein entscheidender Neurotransmitter für:

  • Stimmungsregulation und Angstbewältigung

  • Schlaf- und Appetitsteuerung

  • Stressbewältigungsstrategien

Zudem fördert M. vaccae die Produktion von Noradrenalin, was die Aufmerksamkeit und Konzentration schärft. In der Clay Meditation verstärken wir diesen Effekt, indem wir uns vollkommen auf das Material einlassen.


Vom Boden zum Ton: Eine logische Herleitung

Es ist wichtig zu präzisieren: Prof. Lowrys Experimente bezogen sich primär auf Boden (Erde) im allgemeinen ökologischen Kontext und nicht isoliert auf keramischen Ton. Doch für mich als Künstlerin ist die Übertragung dieser Erkenntnisse auf mein Arbeitsmaterial von hoher Relevanz.

Boden besteht aus drei mineralischen Hauptbestandteilen: Sand, Schluff und Ton. Ton ist dabei die Fraktion mit der kleinsten Partikelgröße – kleiner als 0,002 mm. Da M. vaccae ein weit verbreitetes Bodenbakterium ist, findet es sich naturgemäß in jenen Erdschichten, aus denen wir unseren Ton gewinnen.


Die physikalischen Eigenschaften von Ton begünstigen diese Verbindung:

  • Enorme Oberfläche: Ein einziger Teelöffel Ton kann die Oberfläche eines Fußballfeldes besitzen. Diese Schichtstruktur (Tetraeder- und Oktaederschichten im Verhältnis 1:1 oder 2:1) bietet den perfekten Lebensraum und Schutz für Mikroorganismen [Hazen, 2005].

  • Elektrische Ladung: Die negative Ladung der Tonpartikel ermöglicht eine komplexe Interaktion mit organischen Verbindungen.

Es ist daher faktisch naheliegend, dass die Arbeit mit natürlichem, unbehandeltem Ton dieselben immunregulierenden Effekte auslösen kann, die Lowry für den Kontakt mit Boden beschrieb. Die stimulierende Wirkung auf die Serotonin- und Noradrenalinproduktion erklärt die gesteigerte Konzentration und Stressresistenz während des Formgebungs Prozesses.

Als ich Prof. Lowry von meiner Clay Meditation erzählte, schrieb er: “Oh my goodness, this is such a good idea! Clay undoubtedly has complex microbial communities, including, probably, mycobacteria. I’m just not sure if it’s been studied yet.”


Die Haut als Schnittstelle

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Lowry finden ihre Entsprechung in jahrhundertealten Heiltraditionen. Ein prominentes Beispiel sind die Schlammbadtherapien, wie sie etwa im italienischen Lido delle Nazioni bei Ferrara praktiziert werden. Dort nutzt man die Synergie aus bromhaltigem Salzwasser und mineralischem Schlamm.

Diese Behandlungen werden nicht nur wegen ihrer entzündungshemmenden und schmerzlindernden Wirkung geschätzt, sondern explizit wegen ihrer entspannenden und revitalisierenden Eigenschaften. Was dort als Ganzkörpererfahrung zur Entgiftung dient, findet in meiner Clay Meditation eine konzentrierte, prozessorientierte Entsprechung: Die Haut fungiert als Membran, über die wir nicht nur Mineralien und bakterielle Impulse aufnehmen, sondern auch unser Nervensystem direkt „erden“.


Ton als Wiege des Lebens

Die Bedeutung von Ton reicht weit über die Neurowissenschaft hinaus. Der Chemiker A.G. Cairns-Smith postulierte bereits 1966, dass Ton aufgrund seiner kristallinen Struktur und chemischen Affinität als Gerüst für die Entstehung des Lebens gedient haben könnte [Cairns-Smith, 1966]. Spätere Experimente, etwa von James Ferris (NASA-gefördert) oder Jack Szostak (Harvard), untermauerten dies: Ton kann die Bildung von RNA-Vesikeln katalysieren – ein entscheidender Schritt von der Materie zum Leben [Hazen, 2005].


Fazit: Eine Rückkehr zum Prozess

In den letzten 100 Jahren haben wir uns zunehmend vom Boden entfremdet. Die Clay Meditation ist ein Weg, diese Verbindung durch den bewussten Prozess des „Sich-Schmutzig-Machens“ wiederherzustellen. Indem wir am Ende alles Zerstören, befreien wir uns vom Leistungsdruck des Alltags und kehren zurück zur reinen, biologisch wertvollen Interaktion mit dem Netz des Lebens.


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Quellen:

  • Lowry, C. A., et al. (2007): Identification of an immune-responsive mesolimbocortical serotonergic system. Neuroscience.

  • Cairns-Smith, A. G. (1966): The Origin of Life and the Nature of the Primitive Gene.

  • Hazen, R. M. (2005): Gen-e-sis: The Scientific Quest for Life’s Origins.

  • Dave the Garden Guy: Insights on Clay in Soil.

  • (https://en.wikipedia.org/wiki/Mud_bath)

 
 
 

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